Helmuth Renzler
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DIE IM LAUFE EINES ARBEITSLEBEN EINGEZAHLTEN RENTENVERSICHERUNGSBEITRÄGE REICHEN NUR ZUM TEIL AUS UM DIE RENTE EIN GANZES LEBEN LANG ZU FINANZIEREN

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DIE IM LAUFE EINES ARBEITSLEBEN EINGEZAHLTEN RENTENVERSICHERUNGSBEITRÄGE REICHEN NUR ZUM TEIL AUS UM DIE RENTE EIN GANZES LEBEN LANG ZU FINANZIEREN

Ist es so schwer der italienischen Bevölkerung und somit auch uns Südtirolern die ganze Wahrheit über die finanzielle Situation des italienischen Rentensystems zu sagen? Es müssen die Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Rentenfonds klar und unmissverständlich aufgezeigt werden und dann entsprechende Lösungen gefunden und durchgesetzt werden ohne alles in einem Topf zu werfen und dadurch noch weitere Ungerechtigkeiten zu schaffen. Damit dies geschehen kann müssen zwei Faktoren gegenüber gestellt werden: Die im Laufe eines Arbeitslebens eingezahlten Rentenversicherungsbeiträge und die Anzahl der Jahre des effektiven Rentenbezuges. In der Zwischenzeit aber haben die DINI – Rentenreform aus dem Jahre 1995 sowie die Monti-Fornero-Reform aus dem Jahre 2011 schon ihre Auswirkungen gezeigt und schrittweise die Berechnung der Renten nach dem lohnbezogenem System abgeschafft und das beitragsbezogene Berechnungssystem umgesetzt. Wenn bis zum Jahre 1995 die Rente auf der Grundlage der in den letzten Jahren vor der Pensionierung bezogenen Entlohnung berechnet wurde wird sie seit dem Jahr 1996 nun nach dem beitragsbezogenen System berechnet werden wobei allerdings all jene Rentenversicherten welche am 31.12.1995 schon 18 Rentenversicherungsjahre nachweisen konnten weiterhin ihre zukünftige Rente für die bis zum 31.12.2011 eingezahlten Versicherungsjahre nach dem alten lohnbezogenem System berechnet bekommen. Für die Rentenversicherungsjahre ab dem 1. Jänner 2012 bis zur Pensionierung gilt nun auch das beitragsbezogene Berechnungssystem. Für alle anderen Versicherten wird entweder das gemischte System oder ausschließlich das beitragsbezogene Berechnungssystem angewandt also nur mehr auf der Grundlage der effektiv eingezahlten Rentenversicherungsbeiträge. Dieser neue Rentenberechnungsmodus bringt mit sich, dass die monatlichen Rentenbeträge niedriger ausfallen als jene welche nach dem herkömmlichen lohnbezogenem System berechnet werden. Aus diesem Grunde ist es auch unbedingt notwendig sich eine Zusatzrente anzueignen. In der Zwischenzeit aber wurden und werden weiterhin Renten, welche nach dem lohnbezogenen System berechnet werden, ausbezahlt wobei sie dazu beitragen das die Rentenausgaben jährlich ansteigen. Eine ministeriale Kommission entschloss sich diese Rentenausgaben Kategorie für Kategorie zu quantifizieren. Es wurde alle in einem Arbeitsleben eingezahlten Rentenversicherungsbeiträge summiert und anschließend durch die für die Staatsschatzscheine ausbezahlten Zinsen kapitalisiert. Anschließend wurde das so erzielte Beitragskapital durch den jährlich ausbezahlten Rentenbetrag dividiert. Das Ergebnis dieser Berechnung ergibt dann die Anzahl der durch eigene Rentenversicherungsbeiträge effektiv abgedeckten Jahre an Rentenbezügen. Durch diese ernsthafte Berechnung konnte festgestellt werden das eine Vielzahl von Rentenversicherten weniger an Rentenversicherungsbeiträgen im Laufe Ihres Lebens eingezahlt haben als sie dann effektiv an Rente ausbezahlt bekommen haben und folglich nicht von den Versicherten bezahlt wurden sondern von der Allgemeinheit mittels Steuergeldern. Fazit: Wer mit dem lohnbezogenem System in Rente ging hat und weiterhin geht deckt mit seinen im Laufe des Arbeitslebens eingezahlten Rentenversicherungsbeiträgen nur eine Teil der effektiv ausbezahlten Anzahl an Jahren an Rentenbeträge ab.

Die Hochrechnungen und die mittel- und langfristigen Aussichten

Anzahl der Jahre welche durch Rentenversicherungsbeiträge abgedeckt werden
Lebens-alter Zu erwartende durchschnittlicheAnzahl von Rentenjahren ab Pensionierungs-zeitpunkt*

Rentenversicherungszeitraum

Lohnbezogenes System in den Jahren 1970 bis 2005 Gemischtes System in den Jahren 1980 bis 2015 Gemischtes System in den Jahren 1990 bis 2025 Beitrags-bezogenes System in den Jahren 2000 bis 2035
ÖFFENTLICH BEDIENSTETE
58 25,3 14,9 16,6 20,9 24,3
62 21,8 14,9 15,4 18,6 20,9
65 19,3 14,9 14,6 16,9 18,5
LOHNABHÄNGIGE IN DER PRIVATWIRTSCHAFT
58 25,3 17,3 19,5 22,2 24,3
62 21,8 17,3 18,1 19,7 20,9
65 19,3 17,3 16,9 17,8 18,5
HANDWERKER
58 25,3 5,5 11,4 17,1 22,3
62 21,8 5,5 10,8 15,4 19,2
65 19,3 5,5 10,3 14,4 17,0
KAUFLEUTE
58 25,3 5,6 11,6 17,4 22,7
62 21,8 5,6 11,0 15,7 19,6
65 19,3 5,6 10,4 14,3 17,3
Die zu erwartende durchschnittliche Anzahl von Rentenjahren ab Pensionierungszeitpunkt wurde unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Lebenserwartung des Rentner sowie des eine Hinterbliebenenrente beziehenden Ehepartners berechnet wobei für den Hinterbliebenen 60% des Rentenbetrages des Verstorbenen berücksichtigt wurde

Quelle/Infographik: Alberto Brambilla/ Helmuth Renzler

Einige Beispiele: Wie man aus derobenstehenden Tabelle ersehen kann hat ein öffentlicher Bediensteter welche in den Jahren zwischen 1970 und 2005 in Pension gegangen ist, im Laufe seines Arbeitslebens Rentenversicherungsbeiträge für die Abdeckung von beinahe 15 Rentenjahren eingezahlt. Aber wenn er mit einem Lebensalter von 65 Jahren in Pension gegangen wäre hätte er eine weitere Lebenserwartung von 19 Jahren (mit Hinterbliebenenrente für den Ehepartner) gehabt. Wenn er hingegen mit einem Lebensalter von 58 Jahren in Pension gegangen wäre erhöhen sich die inaktiven Jahre von 19 auf 25. Der Pensionist und seine hinterbliebene Ehefrau hätten also für 4 und 10 Jahren vollständig zu Lasten der Allgemeinheit gelebt.

Für den in der Privatwirtschaft beschäftigten Lohnabhängigen ist diese Sachlage nicht viel anders. Dank seiner im Laufe des Arbeitslebens eingezahlten Rentenversicherungsbeiträgen bezahlt er sich seine Rente für 17,3 bis 18,5 Jahre selbst. Aber wenn er mit einem Lebensalter von 65 Jahren in Rente geht, dann hat er noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 20 Jahren vor sich. Das bedeutet folglich, dass der Staat ihm für 2 bis 3 Jahre seine Rente aus dem Steuertopf bezahlt.

Bei den Selbständigen sieht die Situation noch viel dramatischer aus. Ihre im Laufe des Arbeitslebens eingezahlten Rentenversicherungsbeiträge reichen nur aus um die Rentenbezüge etwas mehr als 5 Jahre abzudecken. Wenn der Selbständige mit einem Lebensalter von 58 Jahren in Rente geht, dann bezieht er durchschnittlich noch 25 Jahre lang eine Rente. Wenn er hingegen mit einem Lebensalter von 65 Jahren in Rente geht so wird er durchschnittlich noch 19 Jahre lang eine Rente beziehen. Der Steuerzahler muss somit für die Renten der Selbständigen für ca. 14 bis 20 Jahren aufkommen. Der Unterschied zu den Lohnabhängige ist eklatant. Bei den Lohnabhängigen beträgt der durchschnittliche Abdeckungsgrad durch die Allgemeinheit zwischen 4 und 8 Jahren während dieser bei den Selbständigen zwischen 14 und 20 Jahren liegt.

Und heute? Heute hat sich an diesen Zahlen nicht sehr viel geändert. Zur Zeit müssen noch ca. 40% der Renten aller Rentenversicherten weiterhin von der Allgemeinheit finanziert werden. Früher oder später aber werden die Rentenberechnungen nach dem lohnbezogenen System aufhören und dann tritt ein Gleichgewicht zwischen Beitragseinzahlungen und Rentenauszahlungen ein und wird keiner staatlichen Zuschüsse mehr bedürfen. Aber dies erfolgt nur schrittweise und sehr langsam und wird wohl erst im Jahr 2045 erreicht werden.

Auffallend ist vor allem der große Unterschied zwischen den Einzahlungen der Lohnabhängigen und jenen der Selbständigen mit der Folge das die Renten der Selbständigen bis zu 20 Jahren von der Allgemeinheit bezahlt werden müssen während bei den Lohnabhängigen dies nur bis zwischen 2 und 4 Jahre lang der Fall ist. Bevor man von weiteren Rentenkürzungen spricht ist es wohl zuerst vorrangig dafür zu sorgen, dass auch die Selbständigen durch die Einzahlung ihrer Rentenversicherungsbeiträge ihre Rente selbst für 17,3 bis 18,5 Jahre finanzieren. Dies kann nur durch eine stärkere Bekämpfung der Steuer- und Beitragshinterziehung erfolgen denn es ist nicht einzusehen und nicht mehr tolerierbar, dass Arbeitnehmer weiterhin dazu beitragen müssen die Renten der Selbständigen zu bezahlen und dafür noch in mehrfacher Hinsicht bestraft zu werden.

Bozen, den 24. Juli 2014                                                                                                   Helmuth Renzler