Helmuth Renzler
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Kleine Soziallehre: Soziale Ungleichheiten 0

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Soziale Ungleichheiten

Als soziale Ungleichheiten bezeichnet man die Tatsache, dass wichtige soziale Güter nicht für alle Mitglieder einer Gruppe oder Gesellschaft gleich zugänglich sind. Was in diesem Sinne ein “soziales Gut” ist, kann zwischen Gesellschaften und Kulturen ebenso variieren wie zwischen Untereinheiten ein und derselben Gesellschaft. Diese Unterschiede hängen weitgehend von den vorherrschenden Werten und der Organisation des betrachteten Sozialsystems ab. In industrialisierten und postindustriellen Gesellschaften sind Produktion und Konsum weitgehend warenförmig organisiert; zu den wichtigsten Gütern gehören hier Einkommen, Vermögen, Berufsposition und Bildung.
Soziale Ungleichheiten gibt es in allen bekannten Gesellschaften; sie können aber sehr unterschiedlich ausgeprägt und organisiert sein. Selbst in den egalitärsten Gesellschaften beeinflussen Alter und Geschlecht – Kriterien, die selbst kaum verändert werden können – die kulturellen Interpretationen und die Rollen, Positionen und Lebensläufe der Personen. Diese Interpretationen und Zuschreibungen haben nicht nur den Charakter von Differenzen, sondern auch von Ungleichheiten in Bezug auf die soziale Wertschätzung, die Autonomie, die Macht der Personen.
Die sozialen Vorgänge, die den Zugang zu privilegierten Situationen regeln, wie auch jene, die sozialen Abstieg bewirken oder diskriminierte Situationen stabilisieren (soziale Schließung), stützen sich regelmäßig auf Merkmale, die leicht feststellbar sind und nicht nach Belieben geändert werden können. Dazu gehören typischerweise die soziale Herkunft (Status der Eltern), ethnische Gruppenzugehörigkeit, Nationalität, regionale und sexuelle Zugehörigkeit.
Ungleichheiten werden von vielfältigen, komplexen Mechanismen aufrechterhalten, verstärkt, aber auch in Frage gestellt. Das System der Ungleichheiten erscheint für “Normalbürgerinnen” und “Normalbürger” in seiner Gesamtheit nicht ohne Weiteres erfassbar und noch weniger beeinflussbar. Dass die Ungleichheiten sozial konstruiert und nicht naturgegeben sind, wird häufig durch die Alltagserfahrungen verdeckt, in denen diese Unterschiede als etwas Unerschütterliches erscheinen. Das Bewusstsein der Ungleichheiten wird auch durch kulturelle Vorstellungsmuster oder Ideologien geschwächt, welche die Aufmerksamkeit auf Aspekte lenken, die von der Frage der Ungleichheiten und ihrer Akzeptierbarkeit fernab liegen. Namentlich die Betrachtungsweise der sozialen Welt als Resultat von Werten und Absichten einzelner Akteure sowie die Vorstellungen über persönliche Verdienste leugnen das Vorhandensein nichtindividueller Phänomene. Sie stellen die Ungleichheiten als “natürlich” dar oder betonen die Notwendigkeit, Personen mit besonderen und nützlichen Gaben gegenüber anderen zu privilegieren.
Obwohl die sozialen Ungleichheiten ein Grundproblem der heutigen Gesellschaften darstellen, rufen sie nicht ohne weiteres Protest oder gar Verteilungskonflikte hervor. Sie werden dann in Frage gestellt, wenn sie als illegitim betrachtet werden. Deshalb sind die Privilegierten daran interessiert, ihre Vorteile weniger sichtbar zu machen bzw. sie zu rechtfertigen. Wirtschaftliche Ungleichheiten stehen grundsätzlich im Widerspruch zu Werten der Gleichheit aller Menschen und können die politische Demokratie untergraben, wenn ihre Legitimität längerfristig nicht gegeben ist.
Armut ist nichts anderes als eine besonders benachteiligte Situation im Rahmen der sozialen Ungleichheiten. Ungleichheiten schließen nicht automatisch Armut in sich ein. Diese resultiert vielmehr aus einer Situation, in der die Kräfte, die auf die Aufrechterhaltung oder gar Verschärfung der Ungleichheiten ausgerichtet sind, gegenüber jenen überwiegen, die auf Umverteilung und Abbau der Ungleichheiten tendieren.

René Levy

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