Helmuth Renzler
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ARBEITEN BIS 70 ABER WIE? – Ein Gespräch mit Helmuth Renzler 0

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Interviewer:

Da man in Zukunft länger leben wird ist es notwendig später in Rente zu gehen. Stimmt dies wirklich?

Renzler Helmuth:

Ja, dies ist die Philosophie welche den Überlegungen der neuesten Rentenbestimmungen zu Grunde liegt.  Es  wurde von der Regierung Monti  nämlich beschlossen, dass all jene Rentenleistungen deren Auszahlung direkt an ein bestimmtes Lebensalter gekoppelt sind wie etwa die Altersrente oder die Dienstaltersrente  in  Zukunft nur mehr unter Berücksichtigung der zu erwartenden durchschnittlichen Lebenserwartungserhöhung ausbezahlt werden können.

Interviewer:

Was bedeutet dies in der Praxis?

Renzler Helmuth:

Dies führt dazu, dass man ab dem Jahr 2018 ein Lebensalter von 67 und mehr Jahren haben muss um eine Rente beziehen zu können. Wie das italienische  und Südtiroler Wirtschaftssystem in der Lage sein wird lohnabhängige Arbeitnehmer, aber auch Selbständige, mit einem Lebensalter von 66, 68 oder 70 Jahren weiterhin angemessen zu beschäftigen, wird die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte darstellen. Andere Länder wo die Erhöhung des Renteneintrittsalter auf 67 Jahre schon seit Längerem geplant und festgeschrieben wurde bereiten sich nun schon seit einiger Zeit mehr schlecht als recht auf diesen Umstand vor.

 Interviewer:

Wie soll das gehen?

Renzler Helmuth:

Die Bevölkerung  Südtirols wird immer älter und muss dabei physisch und psychisch gesund bleiben denn sonst ist die von der Regierung vorgeschriebene Rente mit 70 Jahren nur eine leere Maßnahme welche ausschließlich dazu dient die Rentenausgaben zu senken.

 Interviewer:

Warum soll man sich jetzt schon Gedanken machen um die Rente mit 70 wenn dies eh erst in 40 Jahren eintritt?

Renzler Helmuth:

Wer sich erst in zehn Jahren mit dem demografischen Wandel beschäftigt, verschläft nicht nur die Zukunft, sondern wird auch nicht unbeträchtliche Wettbewerbsnachteile erdulden müssen. Durch die Erhöhung der Renteneinstiegsalters und der Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung  sowie des dramatischen Geburtenrückganges  werden in Zukunft immer mehr ältere und weniger jüngere Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen oder aber man muss vermehrt auf ausländische Arbeitskräfte zurückgreifen.

 Interviewer:

Haben somit alle jene  Kreise Recht welche die Erhöhung des Lebensalters für den Bezug einer Rente auf 70 oder mehr Jahre durchgesetzt haben?

Renzler Helmuth:

Auf dem ersten Blick scheint es so, aber in Wahrheit ist es nicht so einfach und es wird in Zukunft große Probleme geben.

 Interviewer:

Ist dies eine reine Maßnahme um zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung anderen Gesellschaftsschichten neue Finanzmittel zur Verfügung zu stellen?

Renzler Helmuth:

Durch die neuesten Maßnahmen der Regierung Monti werden dem Staat kurzfristig sehr große Finanzmittel zur Verfügung gestellt und zwar zum Einem weil er weniger Rentenbeträge auszahlen muss und zum Zweiten weil er gleichzeitig mehr Rentenversicherungsbeiträge eingezahlt erhält. Dies bedeutet sofort weniger Ausgaben für den Staatshaushalt.

 Interviewer:

Täuscht sich die Allgemeinheit der Südtiroler Bevölkerung wenn sie ihren Unmut, ja oft sogar Wut, laut über diese Entwicklung kundtut?

Renzler Helmuth:

Laut Umfragen findet ein sehr hoher Prozentsatz der arbeitenden Bevölkerung die Anhebung der Altersgrenze auf 67 oder mehr Jahren als falsch und vor allem ungerecht.

 Interviewer:

Warum?

Renzler Helmuth:

Bei kaum einem anderen Thema sind Arbeitnehmer, Wirtschaft und Politik so weit voneinander entfernt. Durch die Rente ab 67 und mehr wird keine Produktionslinie oder Fliesband langsamer, keine Verwaltungsarbeit weniger hektisch und stressfreier.  Durch die neuen Telekommunikationsformen erhöht sich der Arbeitsstress, vor allem im Verwaltungs- und Dienstleistungsbereich immer mehr denn die Arbeit wird immer hektischer und der Arbeitnehmer muss jederzeit zur Verfügung, weil immer erreichbar, sein.

 Interviewer:

Herr Renzler Sie beschäftigen sich alle Tage beruflich mit diesen Problemen und sind täglich im Kontakt mit der arbeitenden Bevölkerung. Wie sehen es die Betroffenen selbst?

Renzler Helmuth:

Mindestens zwei Drittel der Arbeiter glauben aus gesundheitlichen Gründen nicht bis 67 oder mehr Jahren durchhalten zu können und dies nicht nur in der Privatwirtschaft sondern auch im öffentlichen Dienst. Man denke dabei nur an die Altenpflegerinnen welche mit 55 Jahren schon sehr große physische Verschleißerscheinungen aufweisen oder an die Volkschullehrer, Maurer, Dachdecker, Buschauffeure sowie andere ähnliche Berufe.

 Interviewer:

Das Thema Rente mit 70 ist zur Zeit in aller Munde und führt zu heftigen Diskussionen.

Renzler Helmuth:

Erhitzt wird die Diskussion um die Rente auch, weil es für viele Menschen gar nicht darum geht, ein oder zwei Jahre länger zu arbeiten. Sie haben vor allem Angst, im Alter zu verarmen.  Das Rentenniveau wird in den kommenden 20 Jahren bei den Lohnabhängigen  auf etwa 43 Prozent der Bruttolöhne und bei den Selbständigen auf 28 bis 34% ihres Einkommens sinken – und dafür wird eine Rentenversicherungszeit von 45 und mehr Beitragsjahren vorausgesetzt. 1996 lag das Rentenniveau bei 40 Rentenversicherungsjahren noch bei 80 Prozent.

 Interviewer:

Was bedeutet das?

Renzler Helmuth:

Wer arbeitslos ist oder eine Teilzeitstelle hat, erhält noch weniger – und eben jeder, der früher ausscheidet und dadurch  Abzüge bei der Rente hinnehmen muss. Auch Durchschnittsverdiener kommen daher im Alter schnell in die Nähe der Armutsgrenze, wenn sie nicht zusätzlich vorgesorgt haben. Und so wird vielen ganz normalen Beschäftigten angst und bange beim Gedanken an das Alter.   Die Zahl derer, die im Alter eine bezahlte Arbeit wollen und vor allem brauchen, nimmt  zu, und das heißt:    Millionen Arbeitsplätze in Italien und somit auch in Südtirol müssen verändert  und altersgerecht gestaltet werden. Es ist eine riesige Aufgabe, die der Staat und das Land nicht allein erledigen und bewältigen können. Das müssen die Unternehmen, gemeinsam mit den Sozialpartnern und der Politik tun. Wir Arbeitnehmer sind also gefordert uns in dieser Diskussion entschieden einzubringen.

 Interviewer:

Herr Renzler, danke für das Gespräch.

 

Bozen, den 26. Februar 2012                                          Helmuth Renzler

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